Digitale Transformation: „Als Region den eigenen Weg finden“

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen lädt am 7. Juli um 18.30 Uhr gemeinsam mit dem Wirtschafts- und Strukturrat Bremen Nord zur Veranstaltung „Wege in eine nachhaltige digitale Zukunft – Handlungsoptionen für Bremen Nord“ ein. Die Impulsreferenten Jens Mühlner und Matthias Brucke vom Trägerverein der Charta digitale Vernetzung* erläutern am Beispiel von Bremen-Nord, warum jede Region die digitale Transformation selbst gestalten muss und wie dieser Prozess gestaltet werden kann.

 

Kommunen in strukturschwachen Regionen kämpfen oft mit zahlreichen drängenden Alltagsproblemen. Warum sollten sie der digitalen Transformation dennoch eine hohe Priorität einräumen?

Jens Mühlner, Vorsitzender Charta digitale Vernetzung e.V.
Jens Mühlner
Vorsitzender Charta digitale Vernetzung e.V.

Jens Mühlner (JM): Die Botschaft, dass wir uns schnell in der digitalen Welt zurechtfinden sollten, ist 20 Jahre alt. Aber wir sind in Deutschland viel, viel zu langsam gewesen. In der Corona-Situation beispielsweise haben wir dann plötzlich festgestellt, dass unsere Bildungsinstitutionen nicht resilient genug sind, um schnell auf eine solche Situation reagieren und auf Alternativen zum Präsenzunterricht zurückgreifen zu können. Es fehlte an der digitalen Ausstattung ebenso wie an der Fähigkeit und Erfahrung im Umgang mit der Online-Lehre. Aber wir erleben auch aus nationaler und internationaler Perspektive, dass wir uns in Abhängigkeiten und Wettbewerbsnachteile bringen, wenn wir im Digitalen nicht mithalten. Wenn eine Region die digitale Transformation jetzt nicht aktiv angeht, dann hängt sie sich ab, und zwar sehenden Auges.

Matthias Brucke Gründer und Gesellschafter embeteco GmbH & Co. KG
Matthias Brucke
Gründer und Gesellschafter embeteco GmbH & Co. KG

Matthias Brucke (MB): Es ist Immer besser, wenn die Region eine Eigeninitiative entfaltet und ins Machen kommt, statt auf Druck und Entscheidungen von außen zu warten. Inzwischen gibt es viele gute Beispiele, auch in Deutschland, wie sich Städte und Regionen auf die neue digitale Gesellschaft und Datenökonomie einstellen können. Der Nutzen, auch für die Bewältigung der aktuellen Alltagsprobleme, ist dabei zumeist größer als der Aufwand.

Wie kann ein Standort die digitale Transformation in Angriff nehmen, wenn er noch relativ am Anfang steht?

JM: Das ist sehr individuell zu beantworten. Man kann sich zwar einiges von anderen Regionen abschauen, aber wir haben überall unterschiedliche Anforderungen. Deshalb hoffen wir, dass bei der Veranstaltung am 7. Juli möglichst viele Menschen aus Bremen-Nord zusammenkommen, um sich auszutauschen und über passende Ideen und Möglichkeiten zu diskutieren. Entscheidend ist, die Situation und die Menschen vor Ort in den Mittelpunkt zu stellen und aktiv mit aktuellem Digital-Know-how zu verbinden. Nicht anderen hinterherlaufen, sondern auf den eigenen Stärken und Herausforderungen aufbauen, um gemeinsam mit allen, die etwas beitragen können, nachhaltig die Grundlagen für kurz-, mittel- und langfristige Veränderungen zu schaffen, das muss der Leitgedanke sein. Ansässige Unternehmen, Institutionen, Bürgerinnen und Bürger sowie die örtliche Verwaltung sollten selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen.

MB: Am besten ist es natürlich, wen man dabei über ein klares Zielbild verfügt: Wo wollen wir eigentlich hin? Dann fällt es leichter, den richtigen Weg und die erforderlichen Aktivitäten zu bestimmen. Immerbenötigt man motivierte Menschen, aber auch methodische Kompetenzen, Ressourcen und eine sehr klare, transparente Kommunikation. Als Vertreter der Charta digitale Vernetzung versuchen wir, hierfür den handelnden Personen vor Ort Orientierung zu geben, um eine gemeinsame Initiative anzustoßen, die ihre eigene ist und nicht von außen kommt.

Warum engagieren Sie sich gerade hier?

JM: Ich selbst lebe in Bremen-Nord, daher liegt es mir sehr am Herzen, dass wir in der Region die Chancen der digitalen Transformation rechtzeitig nutzen. Ich freue mich, dass der Wirtschafts- und Strukturrat Bremen Nord und das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum auf mich zugekommen sind, ob ich einen Beitrag zur gemeinsamen Veranstaltung leisten könnte. Gerade weil ich mit dem Thema langjährig auf Bundes-, Landes und Kommunalebene, sowie für Unternehmen befasst und beruflich permanent außerhalb Bremens unterwegs bin, bringe ich meine Erfahrungen jetzt sehr gerne hier vor Ort ein. Zudem haben wir mit den 10 Grundsätzen der Charta digitale Vernetzung eine Grundlage geschaffen, um eben solche digitalen Veränderungsprozesse verantwortungsvoll zu gestalten. Mit dem gemeinnützigen Trägerverein steht ein breites Netzwerk von Expertinnen und Experten, sowie führender Unternehmen und Verbände an unserer Seite. Auch dieses bringe ich gern mit den örtlichen Aktivitäten zusammen. Zumal es bereits einige beispielgebende Aktivitäten gibt. So hat etwa unser Mitglied DigitalSchoolStory ein bundesweit sehr beachtetes Pilotprojekt mit dem Gymnasium Vegesack realisiert, in dem über digitale soziale Medien sehr erfolgreich ein alternativer, kreativerer und emotionalerer Zugang zur Mathematik eröffnet wird.

Wie kann eine Region erste Handlungsfelder und Projekte identifizieren?

MB: Man weiß aus anderen Regionen, dass ein sehr partizipativer Prozess essenziell ist. Also alle Menschen mitnehmen, alles gut erklären, eine gemeinsame Vision entwickeln.

JM: Eine weitere Erkenntnis aus anderen Prozessen ist, dass es möglichst auch einen Kopf braucht, der die Visionen und die Aktivitäten dazu antreibt. Das ist oft die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister, allerdings haben wir in Bremen-Nord drei Stadtteile mit drei Ortsamtsleitern, sollten Bremen Nord aber ganzheitlich denken. Der Wirtschafts- und Strukturrat wäre grundsätzlich eine Institution, die eine identitätsstiftende Rolle übernehmen und die verschiedenen Beteiligten über die Veranstaltung hinaus zusammenbringen und motivieren könnte. Die Verwaltung ist dagegen zumeist ein schlechter Treiber.

MB: Konkrete Handlungsfelder findet man am besten dadurch, dass man entweder Schmerzpunkte bearbeitet oder schaut, wo sich zügig Chancen nutzen lassen. Das Entscheidende ist, ins Machen zu kommen. Auch Fehler machen, ja; wichtig sind das Lernen, Messen und Gucken: Funktioniert das oder nicht? Wir als Charta digitale Vernetzung können dabei Lotsenunterstützung leisten.

Haben Sie schon grobe Vorstellungen, in welche Richtungen das in Bremen-Nord gehen könnte?

JM: Bremen-Nord hat Chancen, auf denen sich gut aufsetzen lässt, etwa die neue Ausrichtung der Jacobs University zum Thema Künstliche Intelligenz, den Fachkräftebedarf der ansässigen Unternehmen sowie aktuelle Stadtentwicklungsvorhaben wie den geplanten Bildungscampus auf dem BWK-Gelände. Aber wir haben hier auch große Herausforderungen, wie die Sozialstruktur, die mit dem Zusammenbruch des Bremer Vulkan in die Höhe geschnellte und durch den anhaltenden Strukturwandel noch nicht überwundene Arbeitslosigkeit sowie die im Vergleich zu geringe Anzahl an Arbeitsplätzen vor Ort, einhergehend mit einer geringen Dynamik neuer Gewerbeansiedlungen. Die Frage ist, ob und wie durch die digitale Transformation die Zukunft tatsächlich verbessert werden kann, und hier möchte ich dem Begriff der Nachhaltigkeit ein besonderes Gewicht geben. Nicht nur im Sinne von ökologischer Nachhaltigkeit, was natürlich auch höchst relevant ist – und es könnte auch sein, dass wir über die Potenziale grüner Technologien reden. Aber mit Nachhaltigkeit meine ich auch, dass nicht mit Alibi-Projekten irgendwelche politischen Interessen in einem solchen Prozess bedient werden dürfen. Damit wäre keinem geholfen.

Die international stattfindende digitale Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft muss auch in der Region ihren Widerhall finden. Hierfür braucht es einen ernsthaften und mit langem Atem versehenen Willen zur Veränderung. Das bedeutet insbesondere, bei den jungen Menschen ganz früh anzufangen, aber auch den heute bereits drängenden Fachkräftebedarf in den Fokus zu nehmen. Hier kann Bremen Nord vieles für die Menschen und für die Attraktivität des Standorts tun.

MB: Dinge selbst in die Hand zu nehmen sorgt am besten dafür, dass die Projekte, die man startet, zum Erfolg führen. Und es sorgt auch dafür, dass man Spaß auf dem Weg hat, von dem heute keiner wissen kann, wo er hinführen wird.

* Die Charta digitale Vernetzung ist ein Kodex für die verantwortungsvolle Gestaltung der digitalen Gesellschaft. Ihre 10 Grundsätze wurden Unternehmens-, Branchen- und Verbands-übergreifend 2014 im Rahmen des Nationalen IT-Gipfels, dem heutigen Digital-Gipfel, der Bundesregierung formuliert und von mehr als 80 Institutionen unterzeichnet. Der gemeinnützige Trägerverein der Charta digitale Vernetzung vereint Unternehmen, Verbände und Initiativen, Vertreter und Institutionen der Wissenschaft sowie Privatpersonen. Gemeinsam wollen sie dazu beitragen, Deutschland zukunftsgerecht zu gestalten. Jens Mühlner, hauptberuflich Manager der Telekom IT-Tochter T-Systems, ist Vorsitzender und Matthias Brucke, Gründer der Oldenburger Beratungsgesellschaft embeteco, ist Mitglied des Vorstands.
https://charta-digitale-vernetzung.de/

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