Wie weit sind Bremens Unternehmen in der Digitalisierung?

Gemeinsam statt allein in die Digitalisierung

Wer in die Digitalisierung startet, steht oft vor einem Wald aus Möglichkeiten – und sucht den richtigen Pfad. So wie das Bremer Unternehmen Medical Helpline Worldwide, ein Spezialist für internationales Notfallmanagement für Reise- und Tauchmedizin. Die beiden Geschäftsführer Sven Aumann und Marco Röschmann wollten im vergangenen Jahr ihr erfolgreiches Unternehmen weiter ausbauen und dabei stärker auf digitale Services setzen. Sie wandten sich daher an das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen – eines von bundesweit 26 Zentren, die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) auf ihrer Reise in die digitale Zukunft begleiten. Dank mehreren Workshops des Zentrums fanden sie schließlich einen Weg durch das digitale Dickicht. „Aus ihnen folgte, dass wir uns schließlich mit einem IT-Unternehmen zusammengesetzt haben, um die Architektur unserer Software – einem Herzstück unseres Unternehmens – neu auszurichten“, erläutert Marco Röschmann.

Die Überseestadt Bremen, Sitz vieler IT-Unternehmen, Bild: WFB/Ginter

Bremer Mittelstand: Vielfältig, innovativ

Ein typisches Beispiel für Digitalisierung im Bremer Mittelstand? „Ja und Nein. Denn der Mittelstand ist so vielfältig, dass man eigentlich nicht von typischen Fällen sprechen kann. Jedes Unternehmen ist einzigartig und hat seine individuellen Herausforderungen auf dem Weg in die Digitalisierung“, so Daniel Schneider, Geschäftsstellenleiter des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Bremen.

Als einer der größten Industriestädte Deutschlands ist das Land Bremen geprägt von Branchen wie der Luft- und Raumfahrt, dem Automobilbau, der Nahrungsmittelindustrie oder der Hafen- und Logistikwirtschaft. Konzerne wie Airbus, Mercedes, ArcelorMittal, Nordsee oder Frosta sind überregional bekannt. Abseits der Großindustrie hat sich eine IT-Industrie herausgebildet, die in Nischen wie E-Commerce, der künstlichen Intelligenz oder dem 3D-Druck Maßstäbe setzt. Das birgt gutes Anknüpfungspotenzial für die zahlreichen mittelständischen Betriebe Bremens, die auf dem Weg in die Digitalisierung sind und Unterstützung benötigen.

Viele Wege führen in die digitale Transformation

Denn der Wissensstand in Sachen digitaler Transformation unterscheidet sich erheblich von Betrieb zu Betrieb. „Für den einen ist Kundenkommunikation per E-Mail bereits Digitalisierung, während der andere von intelligenten Logistikprozessen und KI-gesteuerter Warenbestellung spricht“, führt Schneider aus. Man könnte deshalb kaum von „dem einen“ Stand der Digitalisierung sprechen, wenn man den bremischen Mittelstand als Gesamtheit betrachte.

Fehlt es manchen Unternehmen da an einer Vorstellung dessen, was sich hinter dem Buzzword Digitalisierung verbirgt? „Ganz klar, es gibt sehr unterschiedliche Wissensstände. Aber nicht immer muss sich hinter der digitalen Transformation gleich die Einführung eines völlig neuen ERP-Systems, einer künstlichen Intelligenz oder eine ähnliche Mammutaufgabe verbergen“, so Experte Schneider. Manchmal reichten auch kleine Schritte, um bestehende Prozesse durch digitale Lösungen entscheidend zu verbessern – und das Bremer Kompetenzzentrum sei ein Begleiter auf dem Weg dahin, in dem es Möglichkeiten aufzeige und unabhängig informiere.

Technologietransfer nutzen – auf Köpfe setzen

Ein weiterer wichtiger Begleiter, um digitale Innovation voranzutreiben, ist zudem die Bremer Wissenschaftslandschaft mit ihren mehr als 50 Forschungsinstituten. Die glänzen mit Leuchttürmen wie dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz oder dem Institute for Artificial Intelligence, an denen jeweils Forscher von Weltrang arbeiten. Andere Institute wie das BIBA Institut für Produktion und Logistik – ein Pionier in Sachen Industrie 4.0 und Projektpartner des Bremer Kompetenzzentrums – arbeiten häufig mit lokalen Mittelständlern in Forschungsprojekten zusammen und transferieren so Wissen aus der Forschung in die Wirtschaft. Frisches Know-how gelangt zudem durch die vielen Absolventen der Bremer Hochschulen in die Unternehmen.

Kleine Schritte gehen

Wie überall, so sind auch in Bremen die Anforderungen an die Digitalisierung von Branche zu Branche unterschiedlich. Die maritime Wirtschaft etwa ist von oft geringen Margen und damit kleinen Investitionsbudgets gekennzeichnet. „Aber auch mit knappen Geldbeutel lassen sich erste Schritte in die richtige Richtung gehen“, ist Schneider überzeugt. Kooperationen könnten da etwa ein guter Ansatzpunkt sein, um Win-Win-Situationen herbeizuführen. Mit der Wissenschaft, mit etablierten IT-Unternehmen und besonders mit jungen, aufstrebenden Unternehmen – Start-ups.

In der Hansestadt hat sich eine interessante Gründungsszene etabliert, die mit vielen B2B-Dienstleistungen in den Bremer Schwerpunktbranchen sowie der IT aufwartet. Für diese Start-ups ist in Bremen und Bremerhaven das Starthaus eine zentrale Anlaufstelle. Ein Ort, an dem Gründerinnen und Gründer an Wissen, Beratung und Finanzierung gelangen – und bei dem Venture Capital eine immer größere Rolle einnimmt.  Zudem arbeiten das Starthaus und das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hand in Hand, führen gemeinsam Veranstaltungen durch, auf denen Kontakte und Partnerschaften entstehen können. Bremen setzt somit auf vielen Ebenen auf Kooperation – denn dem Mittelstand fällt es leichter, in Zusammenarbeit und nicht als Einzelkämpfer Innovationen zu stemmen.

In Bremen für die Digitalisierung im Einsatz: Daniel Schneider, Malte Breford, Lisa Buschan, Bild: WFB/Pusch

Fehler vermeiden, auf Stärken setzen

Auf Kooperation zu setzen, ist eine von vielen Lektionen, welche Betriebe auf dem Weg in die Digitalisierung lernen müssen. Eine weitere hat Daniel Schneider vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen auch gleich parat: Wenn er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen Betrieb unterstützen, schauen sie nicht nur darauf, ob sich Prozesse digital umsetzen lassen, sondern stellen den Prozess häufig als Ganzes auf den Prüfstand.

„Was analog nicht gut funktioniert, wird auch digital mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Da ist es besser, einen Schritt zurückzutreten und zu schauen: Ist es überhaupt sinnvoll, Dinge so zu machen, wie wir sie bisher gemacht haben? Ist das der ideale Weg im Sinne unserer Kundinnen und Kunden? Oder sollen wir es völlig anders machen?“, analysiert Schneider. Eine zweite Meinung ist da oft Gold wert – und meistens stelle sich dabei heraus, dass es eine sinnvolle, digitale Lösung gibt.

Das zeigt sich auch im Einzelhandel – der sehr kleinteilig geprägt ist, bei dem digitale Services oft noch ganz am Anfang stehen und Budgets klein sind. Deshalb hat das Land Bremen mit dem Digital-Lotsen ein Angebot speziell für die kleinen und mittleren Unternehmen des Einzelhandels, der Gastronomie und der Touristikbranche geschaffen. Die Digitallotsen gehen durch die Betriebe, schauen auf die Prozesse und finden gemeinsam mit dem Unternehmen heraus, wo das Digitalisierungspotential liegt. Manchmal ist das die Einführung von Kartenzahlung, die Einrichtung eines Webshops oder eines Internetauftritts – bis hin zur digitalen Warenwirtschaft und vollautomatisierten Lagerhaltung. Digitalisierung könne in vielen Facetten und vielen Stufen kommen, so Daniel Schneider.

Digitalisierung dient dem Menschen

Aber eins sei dabei immer mitzudenken: der Mensch. „Ich rate allen Unternehmen, stets den Menschen in den Mittelpunkt des digitalen Wandels zu stellen, nicht die Technologie“, so der Wirtschaftsingenieur. Das gelte für den Kundinnen und Kunden wie auch für das eigene Personal, das bereits früh in den Prozess mit eingebunden werden sollte. „Oft besteht in der Belegschaft die unterschwellige Angst, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze gefährdet. Wenn Mitarbeitende dann aber sehen, dass digitale Lösungen eine echte Arbeitserleichterung bedeuten können und für sie wie auch den Kunden Mehrwert generieren, lassen sie sich in den Prozess miteinbeziehen und können oft wertvollen Input geben“, so Schneider weiter. Auch hier zeige sich wieder einmal: Gemeinsam gelingt die Digitalisierung im Mittelstand besser.

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